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Ich bin keine Frau. So, jetzt ist es raus.

Der Satz brennt mir auf den Nägeln seit ich bereits kurz nach meiner Diagnose über die Frage gestolpert bin, inwiefern Lichen Sclerosus Weiblichkeit oder sich weiblich (und damit als Frau sexuell attraktiv) zu fühlen, einschränkt. Eine solche Perspektive impliziert, dass das Geschlecht darüber definiert wird, welche Position es bei penetrierenden Sexualpraktiken einnimmt, bzw. ob es solche Praktiken „behindert“.

Nein, dann will ich keine Frau sein. Schon gar nicht in einem Geschlechtersystem, indem der Wert des weiblichen Geschlechts demnach danach bemessen wird, ob ich gefickt werden kann.

Wenn ich Frau bin, dann anders. Anders als ein weicher Spiegel eines harten Männlichen, in den man eindringen kann, den man zur phallozentrischen Selbstverherrlichung nutzen kann. Eben anders und nicht das Gegenteil.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Sexualpraktiken, bei denen meine wunderbare Vulva und meine ebensolche Vagina aufnehmen und verschlingen, bei denen ich ficken und gefickt werden kann, bereiten mir Lust. Aber eine Reduktion von Sexualität auf das Reinstecken eines erregierten Penis‘ ist eine Folge der sensuellen Behinderung von Männern, denen seit frühester Kindheit suggeriert wurde, dass die männlichen erogenen Zonen ihres Körpers jenseits eines penetrierenden Schwanzes enden. Meine Lust ist mehr und ich gehe davon aus: Seine auch.

Daher, liebe Lichen-Sclerosus-Patientinnen und deren Sexual-Partner_innen, (Sexual-)Therapeut_innen und behandelnde Mediziner_innen: Weiblichkeit aufgrund der Erkrankung anzuzweifeln, verkennt auch den Rest des Körpers und der Lust von (lichen-sclerosus-betroffenen) Menschen, die sich als Frauen bezeichnen und wahrnehmen.

Noch eins zum Schluss: Lichen Sclerosus ist keine Metapher und die Vulva auch kein beliebiges Organ. Ich würde sofort meine linke Hand opfern, sollte mir im Gegenzug eine Vulva ohne Lichen Sclerosus geschenkt werden. Aber ich wehre mich dagegen, nicht mehr sexuell zu sein, weil eine spezifische Sexualpraktik manchmal erschwert ist – das wäre nicht mehr und nicht weniger als eine diskriminierende Zuschreibung nach Wertmaßstäben, die ich nicht mitbestimmt habe. Lieber verzichte ich dann auf das „Frau-Sein“ in einem zweigeschlechtlich und auf Hierarchie und Penetrationsregeln basierenden System.

So, wo kann ich meine Verzichtserklärung unterschreiben?

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