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Vor kurzem erhielt ich die Zuschrift einer Leserin über das Kontaktformular des Blogs, indem sie sich für den Blog bedankte und – aus der Perspektive einer älteren LS-Patientin – dafür plädierte, Lust/Sex(ualität) als ‚heilend‘ für Lichen Sclerosus anzusehen.
Aufgrund meines Sexuallebens vor meiner eigenen Diagnose, kann ich jetzt nicht sagen, dass ich zuwenig Sex hatte – was ich damit sagen möchte: Das Plädoyer der Leserin sollte nicht als Kausalzusammenhang gesehen werden, der auch umgedreht werden könne. Also die Gleichung „zu wenig Sex = höhere Gefahr an LS zu erkranken“ ist bullshit. Aber was die Leserin meint, nämlich eine positive Wirkung von lustvoll erlebter Sexualität auf LS, kann ich nur unterstützen.
Ich war unglücklich, solange ich mich aufgrund von LS in meinem Trübsal-Schneckenhaus verkrochen habe. Das hat mein Selbstwertgefühl, mein Körpergefühl, meine Libido, meine Beziehung, mein Gefühl von Attraktivität und alles drumherum belastet. Es war ein langer und anstrengender Weg von da zu dem Punkt, an dem ich keine Angst hatte, wie mein Genital aussieht, ob eine Berührung Schmerz verursachen könnte oder sonst etwas. Das wichtigste ist für mich, keine zusätzliche Infektion (Pilze, Bakterien…) zu haben und zu fühlen, was geht. Ganz explizit: Fingern und Oral-Sex (ggf. den Partner – soweit männlich bzw. bärtig – bitten, sich zu rasieren, das Gepikse kann schon sehr unangenehm sein) geht fast immer, wenn nicht mal wieder an allen Stellen der Entzündungsalarm angesagt ist. Mein Partner und ich sind schon einige Zeit zusammen und haben viele Tiefs seit Beginn meiner Erkrankung erlebt, aber es geht mir wirklich gut, seitdem ich meinen Zyklus sehr gut (insbesondere nach dem Ende der Stillzeit unseres Kindes und dem zum Glück beendeten Pillen-Versuch danach) spüre und mich sehr viel mit meiner Lust und meinem Körper auseinandergesetzt habe.
Zentral ist alles, was entspannt und die Haut geschmeidig macht – dabei geht es nicht allein um die Feuchtigkeit durch Erregung (die ich aber für extrem wichtig halte), sondern auch um die generelle Pflege; also fetten/ölen und zwar regelmäßig. Das Resultat: Je mehr ich mich einfach mal in sexuellen Dingen gehen lasse, umso mehr traue ich mir da auch zu. Schon länger sind bei mir auch penetrierende Praktiken mit sehr viel Lust verbunden, weil ich weiß, dass diese nicht durch eine kleine Entzündung am äußeren Schamlippenrand eingeschränkt sind. Das gute daran ist natürlich, dass ich nicht ständig Angst haben muss, ‚enger‘ zu werden, wenn ich lustvoll mit dem ‚Dehnen‘ beschäftigt bin. Und für alle, die keine Lust auf solche Praktiken mit Partner haben oder keinen Sexualpartner haben: Es gibt Sex-Toys, die nun wirklich mehr hermachen als die medizinischen Gerätschaften zum Dehnen. Wobei ich den Balon zum dehnen vor der Geburt ganz gut finde, aber das ist jetzt nicht so eine erotische Variante. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Es gibt keinen Grund, unbedingt penetrierende Praktiken (alleine oder mit Partner/in) zu verfolgen, aber Betroffene sollten natürlich nicht verdrängen, dass wir Gefahr laufen, dass unser Vagina-Eingang kleiner wird.
Aber zurück zum Thema Lust, Sex und Lichen Sclerosus: wer an LS erkrankt ist, hat meist erstmal Angst vor Berührungen und davor vielleicht an Attraktivität verloren zu haben. Irgendwann muss man aber eine Entscheidung treffen à la „Will ich Lust?“ und wenn ja, dann muss man auch etwas dafür tun. Mein Tipp: Fühlen, was geht und was sich gut anfühlt. Wilde Küsse können erregen, aber müssen ja zunächst nicht über den ganzen Körper wandern. Welche Phantasien bringen Berührungen außerhalb des durch LS-betroffenen Bereichs zutage? Wie fühlt es sich an, wenn der/die Partner/in den Hintern knetet, die Schenkelinnenseiten vibrieren lässt? Was entspannt und macht Lust ohne die Vulva zu berühren? Was kann so zärtlich sein, dass keine Angst mehr vor Schmerz besteht? Und wann fühlt frau sich so wohl in ihrer Haut, dass ruhig mehr Druck beim Fingern/Oral-Sex ausgeübt werden kann?

Während ich immer wieder mal Phasen habe, wo ich klar sagen muss, „ok, lass uns schauen, was geht und sei sanft mit allen Berührungen“, habe ich schon länger Phasen, in denen ich einfach so entspannt bin, allein schon, weil ich Lust habe, dass kein ‚austestendes/tastendes‘ Vorspiel mehr nötig ist, sondern wir einfach machen, was erregt und das kann auch mal schneller heftiger sein. Mir ist absolut klar, dass das morgen wieder vorbei sein kann oder wir auch ab und zu eine falsche Bewegung machen und ich dadurch mal eine kleine Verletzung erleide (mein schlimmstes Erlebnis: Knie und Klitoris zur falschen Zeit unbeabsichtigt zu heftig an der falschen Stelle – da war es erstmal für eine Woche vorbei mit der Lust…), aber ich weiß ebenso, dass die guten Zeiten wiederkommen können. Allein schon für dieses Gefühl partieller Sicherheit: Wieder potentiell Lust haben zu können, weil ich weiß, dass sie auch mit LS da sein konnte, lohnt es sich, nach der Lust und ihrer Umsetzung zu suchen. Im Zentrum sollte immer stehen, den eigenen Körper zu fühlen und die eigenen Phantasien zu kennen. Denn davon ausgehend kann immer gefragt werden, was sich unter den Bedingungen des eigenen Körpers umsetzen lässt.

Es gibt auch einiges an Literatur zum Thema der eigenen Lust näher zu kommen. Einiges wird z.B. in diesem feministisch orientierten Shop angeboten. Ich habe letztens mal in M. Gallaghers und E. Kramers „A Piece of Cake“ (dt. „Sex. So machen’s Frauen“) reingeschaut, wenn man die teils sehr klischeehaften Phantasien und teils auch ebensolchen Hetero-Vorstellungen ausblendet (dieser „Cake-Club“ ist mir auch suspekt, wen so etwas anstrengt, schaut besser in L. Merrits „Frauenkörper neu gesehen„, insbesondere wegen des Klitoris-Kapitels oder in A. Meulenbeldts „Für uns selbst„), steht da viel Wahres drin – vor allem zu Masturbations-Praktiken, was ich ganz gut finde.
Selbst für Frauen, die sich als aufgeklärt und sexuell erfahren ansehen, fällt es mit LS schließlich häufig schwer, wieder einen Zugang zum eigenen Körper zu bekommen – manchmal hilft eine solche Lektüre wieder zurück, den eigenen Körper zu spüren und das eigene Begehren wahrzunehmen. Ein bisschen „praktische Anleitung“ kann da sehr empowernd wirken…

PS: hier noch ein Link zum Thema Sehnsucht nach Berührung mit LS.

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